„Kontaminiertes Erbe?“ – Verantwortung im Immobilienportfolio der BIG

Die österreichische Erinnerungskultur konzentriert sich häufig auf historisch klar markierte Orte des NS-Terrors, wie Konzentrationslager oder Zwangsarbeitsstätten. Weit weniger im Fokus stehen jene Gebäude, die heute funktionale Bestandteile des öffentlichen Lebens sind, die jedoch während der Zeit des Nationalsozialismus in Herrschafts-, Repressions- oder Propagandastrukturen eingebunden waren. Darunter fallen etwa Amtsgebäude, Gerichte, Polizeistandorte oder Bildungseinrichtungen.

Gerade diese Orte sind von besonderer Relevanz. Sie stehen nicht für musealisierte Geschichte, sondern für institutionelle Kontinuität. Ihre historische Dimension beinhaltet damit unmittelbar Fragen moderner Eigentümerverantwortung und verantwortungsvoller Unternehmensführung.

Vor diesem Hintergrund hat die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) das Forschungsprojekt „Kontaminiertes Erbe?“ initiiert. Ziel ist es, systematisch zu untersuchen, welche der heute im Eigentum der BIG stehenden Liegenschaften zwischen 1938 und 1945 nachweislich in nationalsozialistische Gewalt- und Repressionszusammenhänge eingebunden waren – etwa durch Nutzung durch Gestapo, SS, NSDAP-nahe Organisationen oder Justizbehörden – und wie sich diese historische Belastung wissenschaftlich fundiert, nachvollziehbar und transparent dokumentieren lässt.

Eigentum bedeutet Verantwortung, nicht nur ökonomisch, sondern auch historisch. Es schafft langfristige Bindungen zwischen Staat, Institutionen und Gesellschaft.

Für die BIG als einer der größten Immobilieneigentümer der Republik stellt sich daher die Frage, welche Rolle einzelne Bestandsobjekte während des Nationalsozialismus gespielt haben und wie mit dieser Vergangenheit transparent umzugehen ist.

Mit dem Verschwinden der Zeitzeug:innen wächst die Bedeutung nach belastbaren, wissenschaftlich fundierten Grundlagen – nicht zuletzt vor dem Hintergrund wachsender geschichtsrevisionistischer Tendenzen.

Das Projekt „Kontaminiertes Erbe?“ versteht sich daher nicht als retrospektive Geste, sondern als Beitrag zur Verantwortung eines staatlichen Konzerns, dessen Strategie von Transparenz, Nachvollziehbarkeit und gesellschaftliche Verantwortung geprägt ist.

Wissenschaftliche Fundierung durch unabhängige Expertise

Um eine methodisch belastbare Grundlage zu schaffen, schrieb die BIG im Herbst 2023 einen Wettbewerb zur wissenschaftlichen Durchführung des Projekts in Form einer Pilotstudie aus. Eine international besetze Fachjury entschied sich Anfang 2024 für das Konzept des Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung, das über ausgewiesene Expertise in der Analyse nationalsozialistischer Gewaltstrukturen und deren institutioneller Verankerung verfügt.

Die Pilotstudie startete Mitte 2024 und war auf zwölf Monate angelegt. Ziel war es nicht nur, einzelne Gebäude historisch zu untersuchen, sondern auch eine systematische Methodik zu entwickeln, die eine strukturierte Bewertung ermöglicht.

Die Pilotstudie: Methodik und Struktur

Die BIG verwaltet rund 2.000 Objekte. Für einen realistischen und wissenschaftlich überschaubaren Einstieg konzentrierte sich die Pilotstudie auf 74 Gebäude aus dem Portfolio der ARE (Austria Real Estate) einer 100prozentigen Tochtergesellschaft der BIG in den Bundesländern Wien und Umgebung sowie der Steiermark. Die Objekte wurden vor 1945 errichtet und wiesen bereits historische „Verdachtsmomente“ hinsichtlich einer NS-bezogenen Nutzung auf.

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die Entwicklung eines Fragenkatalogs, der es ermöglicht, eine Belastung festzustellen, und in weiterer Folge dazu dient, die Gebäude systematisch und strukturiert zu analysieren. Dadurch wird sichergestellt, dass die Untersuchung nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern auch skalierbar und transparent ist.

Die Antworten auf die Fragen sollen zur Klärung der institutionellen Zuordnung während der NS-Zeit dienen, konkrete Nutzungsformen aufdecken, personelle Verstrickungen dokumentieren und Einbindung in Gewalt- oder Repressionsstrukturen ausleuchten.

Dieser methodische Zugang ist nicht auf das Portfolio der BIG beschränkt, sondern grundsätzlich auch auf andere Immobilienbestände übertragbar. Damit leistet das Projekt auch einen Beitrag zur Weiterentwicklung wissenschaftlicher Standards im Bereich institutioneller Provenienz- und Nutzungsgeschichte.

Qualitätssicherung

Die wissenschaftliche Arbeit wurde durch einen international besetzten Fachbeirat begleitet, der Expertise aus den Bereichen Zeitgeschichte, Immobilienwirtschaft und jüdische Geschichte vereinte. Das Gremium evaluierte Methodik, Zwischenergebnisse und kommunikative Zugänge und stellte sicher, dass das Projekt sowohl wissenschaftlichen als auch gesellschaftlichen Anforderungen entspricht.

Gerade bei sensiblen historischen Fragestellungen ist diese institutionelle Absicherung entscheidend, um Transparenz und Glaubwürdigkeit zu gewährleisten.

Von der Forschung zur Vermittlung

Mit der Vorlage eines Forschungsberichts zur Pilotstudie ist das Projekt nicht abgeschlossen. Vielmehr versteht die BIG die Aufarbeitung als langfristigen Prozess. Unter dem Leitgedanken „Science to Public“ werden derzeit Formate entwickelt, um die Ergebnisse differenziert und kontextualisiert zugänglich zu machen.

Ein konkretes Beispiel: Das Grazer Palais Wildenstein (Paulustorgasse 8) in Graz beherbergte ab 1938 die Schutz- und Kriminalpolizei sowie den Polizeipräsidenten. Heute befindet sich dort die Bundespolizeidirektion Graz.
Ein konkretes Beispiel: Das Grazer Palais Wildenstein (Paulustorgasse 8) in Graz beherbergte ab 1938 die Gestapo, Schutz- und Kriminalpolizei sowie den Polizeipräsidenten. Heute befindet sich dort die Bundespolizeidirektion Graz.

Dabei wird berücksichtigt, dass sich die Gebäude hinsichtlich Nutzung, Standort und öffentlicher Wahrnehmung stark unterscheiden. Vermittlungsformate müssen daher objektspezifisch konzipiert werden – von wissenschaftlicher Dokumentation über digitale Informationsangebote bis hin zu standortbezogenen Kontextualisierungen.

Ziel der Vermittlung ist es, Erinnerungskultur nicht abstrakt, sondern ortsbezogen und institutionell verankert zu gestalten.

Transparenz und Nachhaltigkeit

Das Projekt „Kontaminiertes Erbe?“ zeigt, dass historische Verantwortung Teil einer modernen nachhaltigen Unternehmensführung sein kann und im staatlichen Kontext sein sollte. Transparente Aufarbeitung stärkt institutionelle Integrität, nimmt langfristig gedachte Perspektiven ein und schafft belastbare Entscheidungsgrundlagen. Sie ermöglicht es, kontaminierte Immobilien frühzeitig zu identifizieren, sachlich einzuordnen und angemessen zu kommunizieren.

Nachhaltigkeit umfasst nicht nur ökologische und ökonomische Dimensionen, sondern auch historische und gesellschaftliche Verantwortung.

Fazit

Die enge Zusammenarbeit der BIG mit dem Ludwig Boltzmann Institut für Kriegsfolgenforschung sichert die wissenschaftliche Qualität der Untersuchung und gewährleistet methodische Nachvollziehbarkeit.

Die BIG demonstriert mit ihrer Initiative, wie ein historisch bedeutendes Thema professionell aufgearbeitet wird: durch klare Methoden, externe Expertise und eine sensible, qualitätsgesicherte Struktur. Innerhalb Österreichs entsteht damit ein Referenzmodell für den Umgang mit historischen Fragestellungen im Rahmen moderner ESG-Standards.

Die BIG wird mit der Transparenz über die Vergangenheit das Vertrauen in Gegenwart und Zukunft stärken.

Lucia Klee-Beck

Die Kunsthistorikerin Lucia Klee-Beck ist Mitarbeiterin der Kunstinitiative BIG ART der Bundesimmobiliengesellschaft. Zuvor war sie in österreichischen Kunst- und Kultureinrichtungen tätig, unter anderem im Belvedere.

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