Von der Demokratisierung der Nachhaltigkeit

Kein Unternehmen kommt mehr an der Auseinandersetzung mit unternehmerischer Nachhaltigkeit vorbei. Nachhaltigkeit hat dabei viele Gesichter und steuert in Summe einer neuen Realität entgegen: der Demokratisierung der Nachhaltigkeit!
 

Alles ist heute nachhaltig

 
Unter dem Akronym ESG lässt sich mittlerweile so gut wie fast jegliche unternehmerische Aktivität subsumieren, die nicht offensichtlicher Unfug ist und dem Zeitgeist entgegensteht. Die einen begeben „green bonds“. Das erscheint sinnvoll, sind diese doch bei Investoren beliebt und qualifiziert für günstige Konditionen. Andere schreiben sich Diversität groß auf die Fahnen. Auch das macht Sinn und ist im Wettbewerb um die besten Köpfe sogar unumgänglich. Wieder andere pflanzen Bäume für geflogene Flugkilometer; dedizieren Cent-Beträge aus verkauften Treibstoff-Litern für den CO2-Ausgleich; bauen Rollstuhl-gerechte Wanderwege; unterstützen Künstler und solche, die es noch werden wollen; setzen auf Mülltrennung, Kooperationen mit innovativen Start-ups, Stakeholder-Dialoge, Assessments, Ratings, Preise und Belobigungen, nehmen an Konferenzen teil, geben Interviews und buchen (nicht selten) großflächige Werbeanzeigen, um all dieses Tun auch werbetechnisch zu verbraten. Fast alle – zumindest börsennotierte Unternehmen – lassen darüber dann elaborierte Nachhaltigkeitsberichte erstellen und bekräftigen daraus abgeleitete Nachhaltigkeitsziele für 20-irgendwann. All das – dies sei an dieser Stelle klargestellt – ist dem Grunde nach gut, richtig und wichtig.

Nachhaltigkeit auf breite Beine zu stellen, Nachhaltigkeit als ein inklusives Instrument der Unternehmenssteuerung und -kommunikation zu machen – Nachhaltigkeit zu demokratisieren – ist ein Gebot der Stunde. Und das Thema Nachhaltigkeit aktiv zu besetzen und zu gestalten ist auch eine große Chance für die ÖBAG und ihre für den Standort Österreich so wichtigen Beteiligungen. Denn Unternehmen, die diese Chance erkennen, werden signifikante Wettbewerbsvorteile generieren.
Von der Verpflichtung gegenüber Stakeholdern . . .

 
Larry Fink, der CEO von BlackRock, spricht von einer fundamentalen Umgestaltung der Finanzwelt. Er impft den CEOs dieser Welt das Bewusstsein dafür ein, dass ein Unternehmen nur dann auf Dauer Gewinne erzielen wird, wenn es sich auf seinen Unternehmenszweck konzentriert und die Bedürfnisse seiner verschiedenen Stakeholder berücksichtigt. In einem seiner letzten Briefe schreibt er: „Ein Pharmaunternehmen, das rücksichtslos die Preise anhebt, ein Bergbauunternehmen, bei dem die Sicherheit zu kurz kommt, eine Bank, die ihre Kunden nicht respektiert: Solche Unternehmen mögen kurzfristig ihren Gewinn maximieren. Aber wie wir immer wieder erleben, fallen Handlungen, die der Gesellschaft schaden, letztlich auf das Unternehmen zurück und vernichten Vermögenswerte für die Aktionäre. Ein Unternehmenszweck und eine Verpflichtung gegenüber den Stakeholdern helfen einem Unternehmen, eine tiefere Verbindung mit seinen Kunden einzugehen und sich den sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen.“  Und darin liegt, nicht nur, weil Larry Fink es so prominent formuliert, die Chance des Jahrhunderts.
 

. . . zur Demokratisierung der Nachhaltigkeit

 
An der Börse sagt man sich gerne, dass der Markt immer recht hat. Die Summe der abgegebenen Kauf- und Verkaufsaufträge führt zu einem für alle gültigen und allgemein akzeptierten Preis. Der Markt, die kollektive Meinung aller Marktteilnehmer, macht den Preis. Wenn Larry Fink von der „Verpflichtung gegenüber Stakeholdern“ spricht, so spricht er in vielerlei Hinsicht auch von der Gesellschaft als Ganzes. Treibhausgase, Klimawandel, die Verschmutzung der Weltmeere und vieles mehr gehen uns alle etwas an und manifestieren eine Verantwortung gegenüber den nächsten Generationen. Und es sind allen voran die Eigentümer der Unternehmen – die Aktionäre und wirtschaftlich Begünstigten – die aufgrund ihres berechtigten Interesses am Wohlergehen des Unternehmens, auch eine offensichtliche Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft zum nachhaltigen Handeln „ihrer“ Unternehmen haben.

Ein Unternehmenszweck und eine Verpflichtung gegenüber den Stakeholdern helfen einem Unternehmen, eine tiefere Verbindung mit seinen Kunden einzugehen und sich den sich ändernden gesellschaftlichen Anforderungen anzupassen.

Larry Fink, CEO von BlackRock

Aber gerade diese Gruppe der vielen nicht-institutionellen Eigentümer wird mit der von Ratingagenturen und Indexanbietern beschriebene Nachhaltigkeitsdoktrin im Regen stehen gelassen, wenn nicht sogar vor den Kopf gestoßen. Warum sind Bayer (mit seinen Tierversuchen, Kartell- und Preisabsprachen, Pflanzenschutzmitteln etc.) oder Pernod Ricard (mit seinen teils hochprozentigen Spirituosen) im Euro Stoxx 50® ESG enthalten? Warum findet man in einem Investmentfonds, der den MSCI World® ESG Leaders Index nachbildet, Unternehmen, die auf den Bermudas (einem offensichtlichen Steuerparadies) ihren Sitz haben, ebenso wie Unternehmen, die Kriegsschiffe, Panzer und Granatwerfer bauen oder in den Weltmeeren nach Erdöl bohren? Und warum nimmt gerade Nestlè, ein Unternehmen, das sich immer wieder wegen vermeintlicher Wasserausbeutung, Regenwaldzerstörung oder ungesunder Babynahrung in den Schlagzeilen findet, einen Platz in den Top 10 der am höchst-gewichteten Unternehmen des Dow Jones Sustainability World® Index ein? Fragen, die für einen Asset-Manager, wenn er den Kontakt zur Basis seiner Investoren zulässt, nicht einfach zu beantworten sind. Freilich: Antworten darauf finden sich in Fact Sheets, Methodologie-Beschreibungen sowie Rating- und Scoring-Modellen. Und bitte an dieser Stelle nicht falsch verstehen: Das Rational, das dahintersteht, mag nachvollziehbar und verständlich sein und die Methoden, die zum Ergebnis führen, korrekt und seriös. Aber es kann wohl nicht wegdiskutiert werden, dass in vielen Ratings vor allem das E übergewichtet ist, aber das S, das kurzfristig für Stakeholder besonders wichtig ist, vernachlässigt wird. Und genau daran liegt es, dass die Ergebnisse vieler Ratings den Menschen nicht intuitiv erscheinen. Denn: Langfristig wollen alle die Umwelt retten, und kurzfristig braucht jeder einen Arbeitsplatz.

The Sun is Rising

Der Wert, der entsteht, wenn unternehmerische Nachhaltigkeitsbemühungen einer qualifizierten Öffentlichkeit verständlich und intuitiv erklärt werden, wird gerade erst erkannt. Die Sonne der Demokratisierung geht für die Nachhaltigkeit gerade erst auf. Sie wird umfassend positiv und gewinnbringend und für Unternehmen ebenso wie die gesamte Asset-Management-Industrie unausweichlich sein, denn:

  1. Nachhaltigkeit zahlt mittel- bis langfristig positiv auf den Unternehmenswert ein. Nachhaltig denkende Investoren werden in nachhaltig agierende Unternehmen investieren. Die Möglichkeiten moderner Kommunikationstechnologien werden die Einflussmöglichkeiten der Investoren-Basis und der Gesellschaft insgesamt katalysieren. Unternehmen müssen entscheiden, ob sie sich aktiv oder reaktiv damit auseinandersetzen wollen.
  2. Nachhaltigkeit kann kurz- bis mittelfristig ein effektives Kommunikations-Instrument sein. Sei es zur Abstrahierung talentierter Arbeitnehmer; sei es als USP in der Kundenansprache und Partnergewinnung; sei es als Thema der sozial-medialen Kommunikation. Nachhaltig negativ wahrgenommene Unternehmen werden es schwer haben, sich gegenüber nachhaltig positiv wahrgenommenen Unternehmen durchzusetzen.

Nachhaltigkeit auf breite Beine zu stellen, Nachhaltigkeit als ein inklusives Instrument der Unternehmenssteuerung und Unternehmenskommunikation zu machen – Nachhaltigkeit zu demokratisieren – ist ein Gebot der Stunde. Und das Thema Nachhaltigkeit aktiv zu besetzen und zu gestalten ist auch eine große Chance für die ÖBAG und ihre für den Standort Österreich so wichtigen Beteiligungen. Denn Unternehmen, die diese Chance erkennen, werden signifikante Wettbewerbsvorteile generieren. Andere werden zurückfallen.


Martin Foussek ist Mitglied des Management Boards der Simpel S.A., einer in Luxemburg ansässigen Kapitalanlagegesellschaft, die u.a. für die Verwaltung des Standortfonds Österreich verantwortlich ist.

Martin Foussek

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