Interview mit der Vorständin der ÖBAG

Wenn Sie das vergangene Jahr Revue passieren lassen, was waren die wichtigsten Ereignisse für die ÖBAG im weltpolitisch so turbulenten Jahr 2024?

2024 war das Jahr der großen Wahlen und damit einhergehend ein Jahr großer wirtschaftspolitischer Unsicherheiten. Rund die Hälfte der Weltbevölkerung war in diesem Jahr zu Wahlen aufgerufen. Nicht nur in den USA und auf europäischer Ebene wurde gewählt, weltweit fanden in rund 30 Staaten Präsidentschaftswahlen statt, in 20 weiteren – wie bei uns in Österreich – gab es Parlamentswahlen. Dadurch haben sich die politischen Rahmenbedingungen in vielen Märkten geändert. Dieses globale Superwahljahr hat aus meiner Sicht im Zusammenhang mit der ÖBAG eines klar gezeigt: Auf die ÖBAG als stabilen und verlässlichen Kernaktionär ist auch in turbulenten Zeiten Verlass. Die ÖBAG leistet auch 2025 wieder einen sehr hohen Beitrag zum Budget und unsere Beteiligungsunternehmen konnten ihre Wachstumsstrategien auch in unsicheren Zeiten mit Ruhe und Umsicht weiterverfolgen.

Wenn Sie Wachstumsstrategien erwähnen: Spielen Sie hier auf die OMV an?

Alle unsere Beteiligungsunternehmen haben eine klare Wachstumsstrategie, die wir als Kernaktionär voll und ganz unterstützen. Am deutlichsten zeigt sich das am Beispiel der Einigung der OMV mit ADNOC über den Zusammenschluss von Borealis und Borouge. Der Deal wurde im März 2025 finalisiert, der größte Teil der Arbeit passierte aber 2024. Es ist sicherlich die wichtigste unternehmenspolitische Entscheidung der OMV der letzten Jahrzehnte. Und es ist eine sehr gute Nachricht für den Standort Österreich. Die mit der gemeinsamen Übernahme der NOVA Chemicals beschlossene Expansion in den nordamerikanischen Markt unterstreicht die industriepolitische Wichtigkeit dieser Transaktion für die OMV und für Österreich. Uns als ÖBAG war es von Anfang an wichtig, ein „Österreich-Paket“ auszuverhandeln, das nicht nurdas Headquarter der neuen OMV-Tochter in Österreich sicherstellt, sondern auch weitere hochwertige Arbeitsplätze im Bereich Forschung und Entwicklung schaffen wird und darüber hinaus den österreichischen Kapitalmarkt fördert. Beispielsweise haben beide Vertragspartner vereinbart, neben dem Listing in Abu Dhabi auch ein Listing in Wien anzustreben. Dieser Deal zeigt zudem, wie wichtig stabile und berechenbare Kernaktionäre in instabilen Zeiten sind.

Um noch bei der OMV zu bleiben: Kam das Ende der Russlandverträge für Sie überraschend?

Nein, wir haben uns natürlich schon länger darauf vorbereitet. Als ÖBAG haben wir die OMV beispielsweise schon im Winter 2022/2023 gedrängt, ihre Gaslieferungen zu diversifizieren und damit für den Fall eines Lieferstopps vorzusorgen, damit jederzeit die Versorgung Österreichs sichergestellt ist. Als dann die Entscheide der Schiedsgerichte kamen, welche die Gazprom zu Zahlungen verurteilten, war uns klar, dass dies das Ende der Gas-Lieferungen aus Russland bedeuten würde. Darauf war die OMV dann sehr gut vorbereitet. Wie wir nun sehen, zum Vorteil des gesamten Standorts. Als ÖBAG war es uns immer wichtig, dass die Versorgung der österreichischen Wirtschaft und der Haushalte mit Gas dank der umsichtigen Anstrengungen der OMV gesichert ist.

Die ÖBAG hat eine klare Wachstums-, Nachhaltigkeits- und Standortstärkungsstrategie, an der wir auch in Zeiten permanenter Veränderungen festhalten.
— Edith Hlawati

Auch für die ÖBAG-Beteiligungen sind die geopolitischen Herausforderungen im Jahr 2024 noch einmal deutlich größer geworden. Wie gehen Sie als Kernaktionär damit um?

Es ist sehr herausfordernd, mit welcher Geschwindigkeit sich aktuell die Rahmenbedingungen für wirtschaftspolitisches Handeln ändern. Darüber hinaus erleben wir gerade, wie rasch sich Regeln und gemeinsame Werte in Luft auflösen können. Spätestens seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine bereiten wir uns in unseren Gremien gewissenhaft auf mögliche Krisenszenarien vor. Wir beziehen in unsere Strategiediskussionen auch die Taleb’schen „schwarzen Schwäne“ ein und analysieren das „Undenkbare“. Aber fast noch wichtiger ist: Die ÖBAG

hat eine klare Wachstums-, Nachhaltigkeits- und Standortstärkungsstrategie, an der wir auch in Zeiten permanenter Veränderungen festhalten. Je unruhiger die Zeiten, umso wichtiger sind stabile und berechenbare Kernaktionäre, auf die man sich verlassen kann. Die Stabilität unserer Beteiligungsunternehmen auch in schwierigen Zeiten ist ein klarer Beleg dafür.

Zurück zu Österreich. Hier wird derzeit intensiv über Budgetkonsolidierung und in diesem Zusammenhang über Einsparungen und Solidaritätsabgaben z. B. von Energieunternehmen wie dem VERBUND diskutiert. Wie steht die ÖBAG dazu?

Grundsätzlich sind das Fragen, die im Parlament zu diskutieren und zu entscheiden sind. Als ÖBAG können wir aber zwei Punkte in die Diskussion einbringen. Das ist zum Ersten eine gute Nachricht: Die ÖBAG leistet mit Dividendenzahlungen von EUR 1,263 Mrd. einen konstant hohen Beitrag zum Bundesbudget. Wir verstehen, dass diskutiert wird, das Budget durch standortspezifische Unternehmenssteuern zu entlasten. Allerdings weisen wir darauf hin, dass unsere Beteiligungsunternehmen, die verlässlich Dividenden zahlen, im internationalen Wettbewerb stehen und solche Maßnahmen den Standort insgesamt schwächen könnten. Die Gespräche, die ich zuletzt dazu geführt habe, machen mich aber zuversichtlich, dass die neue Bundesregierung und das österreichische Parlament hier das richtige Maß finden werden.

In diesem Zusammenhang: Was bedeutet die Übergabe der Verantwortung vom Finanz- ins Wirtschaftsministerium für die ÖBAG?

Das Finanzministerium war ein guter und aktiver Eigentümervertreter. Ich habe keine Zweifel, dass dies auch für das Wirtschaftsministerium zutrifft. Unsere Aufgaben sind im ÖIAG-Gesetz klar definiert: als unabhängige Holding und als verlässlicher Shareholder den Wert unserer Beteiligungen weiter zu steigern, damit den Wirtschafts- und Forschungsstandort Österreich zu stärken und mehr als 103.000 Arbeitsplätze in Österreich langfristig abzusichern.

2024 wurde die ÖBAG in ihrer jetzigen Struktur fünf Jahre alt. Ein Grund zum Feiern?

Der Gesetzgeber hat es der ÖBAG mit der Neufassung des ÖIAG-Gesetzes 2019 ermöglicht, Entscheidungen unabhängig von Tagesereignissen im Interesse des gesamten Wirtschaftsstandorts und im Hinblick auf Nachhaltigkeit treffen zu können. Das ist, wie die Performance unserer Beteiligungsgesellschaften zeigt, in unsicheren Zeiten ein unschätzbarer Wert. Mir persönlich noch wichtiger war 2024 jedoch ein anderes Jubiläum, das beispielhaft für mehrere unserer Beteiligungen ist. Vor 30 Jahren wurde der OMV-Syndikatsvertrag mit den Vereinigten Arabischen Emiraten abgeschlossen. Der Anlass hat mir aber die „Eleganz der Syndikatsverträge“, wenn ich mir diese gefeierte Allegorie des Bundespräsidenten ausborgen darf, vor Augen geführt. Unsere Politik der Syndikatsverträge stärkt den Wirtschafts- und Forschungsstandort Österreich. Die Syndikatsverträge haben sich nicht nur mit der Abu Dhabi National Oil Company (ADNOC) für die OMV, sondern auch bei den anderen heimischen Leitbetrieben Telekom Austria und der EuroTeleSites (América Móvil) sowie bei den Casinos Austria (Allwyn) als sehr erfolgreich bewährt. Sie sichern uns nicht nur Einflussmöglichkeiten, die über unsere Anteile hinausgehen, sondern tragen auch zur Attraktivität, Innovationskraft sowie zur Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen am Wirtschaftsstandort Österreich bei.

Manche werfen Österreich vor, in der Umsetzung einer EU-Richtlinie zur Frauenförderung in Führungspositionen ein „Goldplating“ vorgenommen zu haben. Wie sehen Sie das?

Es ist kein Geheimnis, das mir das Thema Diversität bzw. Gender Balance in Aufsichtsräten und Vorständen unserer Beteiligungsunternehmen wichtig ist. Und ich bin stolz darauf, dass Österreich hier in Europa beispielhaft vorangeht. Das wird unserem Wirtschaftsstandort in Zukunft noch einen wichtigen zusätzlichen Wettbewerbsvorteil geben. Wir haben hier in den letzten drei Jahren einen ordentlichen Sprung nach vorne gemacht: Bei den Aufsichtsräten liegen wir weit über dem Durchschnitt und auch bei den Vorständen haben wir in den letzten drei Jahren deutliche Fortschritte gemacht. Frauen haben einen anderen Blick aufs Risiko, es herrscht eine andere Sprache in den Gremien und sie bringen eine andere Perspektive in die Entscheidungsfindung ein. Ich war sehr lange gegen eine Quote, habe aber in der Umsetzung des Themas Diversität sehr rasch bemerkt, dass die Einführung einer Quote sehr hilfreich sein kann. Sie erhöht den Druck, etwas tun zu müssen und in die Gänge zu kommen. Ausreden, warum etwas nicht funktionieren kann, finden sich sehr schnell.

Sie engagieren sich in Summe sehr für strenge ESG-Standards. Warum eigentlich?

Mir geht es nicht um strenge ESG-Standards. Mir geht es um international akzeptierte Standards, die Akzeptanz und Berechenbarkeit am Kapitalmarkt bringen und uns erst den Spielraum für die effiziente Wahrung von Standortinteressen geben: Klare Kapitalmarktorientierung, Fokus auf die Förderung des Standorts und volle Transparenz sind die Werte, die uns dabei leiten. Unsere Standards sind nicht überbordend, sie sind international üblich, praxiserprobt und bringen vor allem sicht- und messbare Erfolge am Kapitalmarkt und für den Wirtschaftsstandort Österreich.

Seit 2019 hat die ÖBAG das Pouvoir, neue Beteiligungen einzugehen. Seit fünf Jahren ist kein Deal zustande gekommen. Warum eigentlich nicht?

Die Erweiterung des ÖBAG-Portfolios ist keine Frage der Quantität, sondern muss immer eine Frage der Qualität sein. Die ist vom Gesetzgeber klar vorgegeben. Wir können und wollen uns nur an Unternehmen beteiligen, die dies ausdrücklich wünschen und welche die vorgegebenen Kriterien im Hinblick auf die Größe, den Reifegrad, die Standortrelevanz und die wirtschaftliche Gesundheit erfüllen. Wir haben in den letzten Jahren eine Reihe von Unternehmen ernsthaft geprüft. Leider hat keines dieser Unternehmen bislang unseren Qualitätsvorgaben bzw. Rahmenbedingungen entsprochen. Das heißt aber nicht, dass das in Zukunft nicht noch passieren wird. Es gibt eine Reihe von österreichischen, kapitalmarktfinanzierten Schlüsselunternehmen, die grundsätzlich von einem stabilen staatlichen Kernaktionär profitieren könnten. Aber eines sei auch gleich gesagt: Die ÖBAG ist kein Auffangbecken für marode Unternehmen. Das Gesetz gibt uns klar wertsteigernde Ziele vor und das ist nur mit grundsätzlich gesunden Unternehmen zu erreichen.

Noch ein kurzer Ausblick auf 2025: Welche Wünsche haben Sie für die ÖBAG und für die Beteiligungsunternehmen?

Zuerst zur ÖBAG. Wir sind zwar nur 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wir haben inzwischen aber ein hervorragendes Team von Expertinnen und Experten bei uns in der ÖBAG, sowohl im operativen Team als auch im Aufsichtsrat und in den Beiräten. Ich wünsche mir, dass wir als Team weiter so sachlich, so interventionsfrei und erfolgreich zusammenarbeiten können wie in den letzten drei Jahren. Und für die Unternehmen gilt, wofür ich seit Jahren kämpfe: Dass sie weiter frei von politischen Interventionen arbeiten können.

Zuletzt: Ist eine Staatsholding in der Struktur einer unabhängigen Aktiengesellschaft in Krisenzeiten eigentlich noch zeitgemäß?

Um es knapp zu formulieren: Gäbe es diese Struktur noch nicht, müsste der Gesetzgeber sie jetzt neu schaffen. Die letzten Jahre haben eindrücklich gezeigt, dass die Unabhängigkeit und damit die Flexibilität und Berechenbarkeit der ÖBAG für einige der wichtigsten Schlüsselunternehmen des Landes auch bei Minderheitsbeteiligungen große Verlässlichkeit und Sicherheit in Krisenzeiten garantiert.

Das wirft doch noch eine letzte Frage auf. Wer kontrolliert eigentlich die ÖBAG?

Eine gute Frage, zu der es immer noch einige Missverständnisse gibt. Ich bitte also um Verständnis, dass die Antwort etwas länger ausfällt. Die ÖBAG verwaltet mit derzeit ca. 25 Personen ein Portfolio im Wert von ca. EUR 30 Mrd. Ich bin Alleinvorständin der AG, treffe aber meine Entscheidungen natürlich nicht im Alleingang. Checks and Balances sind die Grundlage des Handelns der ÖBAG. Wir agieren nach jenen im Gesetz festgelegten Regeln, strategischen Vorgaben und der gesetzlich geregelten Berichtspflichten. Bis vor kurzem übte das Finanzministerium, nun das Wirtschaftsministerium, die Eigentümerrechte in der Hauptversammlung aus und bestellt unsere Aufsichtsrät:innen. Der Minister kann jederzeit zu allen wesentlichen Angelegenheiten einen Bericht verlangen. Jährlich wird ein Bericht ans Parlament übermittelt und der Eigentümer bekommt quartalsweise mehrere Berichte. Und einmal jährlich veröffentlichen wir einen Geschäftsbericht und unseren Corporate-Governance-Bericht. Alle Entscheidungen werden bei uns mit einem „Mehr-Augen-Prinzip“ getroffen. Die ÖBAG hat vier Prokurist:innen, vier unabhängige, erfahrene Managerinnen und Manager mit relevanten Erfahrungen und eine Selbstbindung in Form eines erweiterten Vorstands. Nominierungen für die Aufsichtsräte unserer Beteiligungen werden im Präsidium des Aufsichtsrats genehmigt, für Transaktionen wird der Aufsichtsrat jedenfalls eingebunden, teilweise auch die Bundesregierung. Bei Neubeteiligungen ist das Beteiligungskomitee zuständig für die Vorbereitung der Entscheidungsfindung, die dann im Aufsichtsrat der ÖBAG genehmigt wird. Das Mandat bzgl. der Höhe und Kriterien der Investitionen kommt dabei, wie es im Gesetz steht, vom Eigentümer. Zusammengefasst kann ich sagen: Wir sind ein kleines Team, das bei Einhaltung international beispielhafter Checks and Balances hochprofessionell, schnell und flexibel reagieren kann.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview erschien im Geschäftsbericht 2024 der ÖBAG.

Edith Hlawati

Edith Hlawati ist Vorständin der ÖBAG. Sie ist eine erfahrene Wirtschaftsanwältin mit den Schwerpunkten Aktienrecht, Kapitalmarkt, M&A sowie Governance.

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